Der Haddsch

Am 30. August beginnt der diesjährige Haddsch, die Pilgerfahrt gläubiger Muslime nach Mekka, der eine der fünf Säulen des Islam darstellt. In Zeiten mehrspuriger Autobahnen, klimatisierter Busse und erschwinglicher Flugreisen ist das einfacher geworden.

Mekka liegt eingebettet in eine Wüstenlandschaft, von spitzen Bergen durchzogen. Die Wüstenlandschaft ist ein Sinnbild der Kargheit, in deren Zeichen die muslimische Pilgerfahrt steht. Sie bedeutet, „mit nur zwei Stoffstücken bekleidet in ein trockenes Tal zu gehen, in dem es keine Pflanzen gibt.“

Jede Muslima und jeder Muslim sollten einmal im Leben zur Kaaba in Mekka pilgern, wenn es die Gesundheit und die finanzielle Lage erlaubt. Muslime aus aller Welt finden sich im letzten Monat des islamischen Mondkalenders in Mekka ein. Dieser wird nach den Mondphasen berechnet und nicht nach der Sonne. Die Riten des Haddsch sollen die Seele reinigen und die Gleichheit und Solidarität aller Muslime in ihrer Unterwerfung unter Gott ausdrücken. Im Mittelpunkt steht die „Kaaba“ (Würfel) als heiligste Bauwerk im Islam, um sie herum wurde die große Moschee gebaut. Die Kaaba wird von einem schwarzen Vorhang aus Seide und Baumwolle bedeckt, darin sind mit Goldfäden das muslimische Glaubensbekenntnis sowie Koranverse eingestickt. Dieser Vorhang wird alljährlich nach dem Haddsch erneuert.

Eine der zentralen Riten ist der Eintritt in den Weihezustand (Ihram) – nach der Ganzkörperwaschung ziehen die Pilger ein eigenes Pilgergewand an. Männliche Pilger hüllen sich in zwei weiße, ungesäumte Tücher und offene Sandalen, sie dürfen sich während der Wallfahrt weder rasieren, noch kämmen, noch Haare oder Nägel schneiden. Frauen dürfen sich nicht vollverschleiern und keine Handschuhe tragen. Im Ihram dürfen die Pilger keine Tiere töten, sich keine Körperhaare entfernen, kein Parfüm benutzen, und auch Sex und Fluchen sind verboten. Die Idee dahinter: Die einfachen Kleidungsstücke sollen die gesellschaftlichen, kulturellen und nationalen Unterschiede aufheben und alle als Gleiche vor Gott erscheinen lassen.

Der Haddsch beginnt am ersten Tag in Mekka mit dem Eintritt in den Weihezustand Ihram und dem Lauf nach Mina. Dort bleiben die Pilger bis zum nächsten Morgen und brechen dann in Richtung der Ebene Arafat 20 km östlich von Mekka auf. Zu den Höhepunkten der Wallfahrt gehört das Stehen im Bereich dieser Ebene am zweiten Tag. Dort wird Gott um Vergebung gebeten, was bei den Pilgern der emotionalste Teil der Wallfahrt ist. Sie halten sich bis zum Sonnenuntergang an diesem Ort auf und begeben sich anschließend nach Muzdalifa, um dort zu übernachten.

Kurz vor Sonnenaufgang am dritten Tag erfolgt der Aufbruch nach Mina. Dort wird der Ritus der symbolischen Steinigung des Teufels vollzogen, indem sieben (oder ein Vielfaches davon) kleine Steine auf die Dschamarat al-Aqaba geworfen werden, welche den Teufel symbolisiert. Diese Dschamara war in der Vergangenheit eine Säule, wurde mehrfach umgestaltet und ist heute eine hohe Mauer mit konkaven Wänden. Anschließend rasieren sich die männlichen Pilger das Haupthaar oder kürzen es, die Frauen schneiden sich eine Haarsträhne ab, was den Beginn eines neuen Lebensabschnittes, befreit von früheren Sünden, symbolisiert. Danach, noch am dritten Tag werden Opfertiere geschlachtet, wobei die Pilger nur einen kleinen Teil für sich behalten und den Rest den Armen überlassen. Dieser Tag, das Opferfest (Idu l-Adha), ist der höchste islamische Feiertag und wird auch von den daheim gebliebenen Muslimen überall auf der Welt begangen. Danach ist der Zustand des Ihram aufgehoben und die während des Tragens des Pilgergewandes zuvor verbotenen Dinge sind wieder erlaubt (mit Ausnahme des Geschlechtsverkehrs mit dem Ehepartner).

In der Folge kehren die Pilger zurück nach Mekka und zur Kaaba, einem würfelartigen Gebäude mit einem schwarzen Stein, und vollziehen den sogenannten Tawaf. Dabei wird die Kaaba sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn umschritten. Wer zur Kaaba aufblickt, murmelt «Allahu akbar», «Gott ist groß», eine Vergegenwärtigung der Allmacht Gottes. Darauf erfolgt der so genannte Sa’i, indem unweit davon der siebenmalige Gang zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwa durchgeführt wird, bei dem die Suche nach Wasser, wie Hagar sie erlebte, nachempfunden werden soll. Die nächsten zwei oder drei Tage verbringen die Pilger in Mina. Dort findet erneut der Ritus der symbolischen Steinigung des Teufels statt, wobei nun aber drei Dschamarat, mit jeweils sieben Steinen beworfen werden. Der Haddsch wird mit dem Abschiedstawaf und -sai abgeschlossen. Der Pilger kann jetzt in die Heimat zurückkehren.

Heuer werden im saudi-arabischen Mekka über zwei Millionen Teilnehmer erwartet, an die 100.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz.  Vor zwei Jahren waren bei einer Massenpanik während der Wallfahrt nach offiziellen Angaben 769 Pilger ums Leben gekommen. (Inoffizielle Berechnungen gehen von rund 2000 Todesopfern aus.) Und das war nicht der erste Unfall. Die saudischen Behörden ließen danach die Sicherheitsstrukturen überarbeiten. Überschattet wird die Wallfahrt in diesem Jahr von der diplomatischen Krise zwischen Katar und seinen Nachbarstaaten am Golf.  Teilnehmer, die mit Bussen aus Qatar kommen, werden problemlos nach Saudi-Arabien eingelassen. Ende des Hadsch ist am 4. September 2017.

Die Kaaba ist heute von einem Heer von Baukränen umgeben. Dahinter ragt der Uhrturm des „Mecca Royal Clock Tower Hotel“ in den Himmel, mit 601 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt. Mit der Kommerzialisierung des Hadsch manifestieren sich auch bei den Pilgern Klassen, obwohl diese verschwinden sollten.

Der Bauwahn rund um die Kaaba, Gastarbeiter, riesige Parkplätze, Fast-Food-Ketten wie McDonald’s, Werbeplakate, arme Vororte, in denen illegale Einwanderer zum Teil schon in dritter Generation leben – all das ist auch Mekka. Was wie ein muslimisches Las Vegas scheint, ist den einen die natürliche Folge veränderter Zeiten, den anderen ein schmerzhafter Bruch mit der Vergangenheit.

Um Platz für die Millionen Pilger zu schaffen, zerstörte Saudi-Arabien große Teile des historischen Stadterbes von Mekka. Von den fünfzehn alten Vierteln Mekkas sind heute dreizehn komplett zerstört. Mehr als 95 Prozent der historischen Stätten mussten modernen Bauten wie Hotels oder Parkplätzen weichen. Dafür mussten Säulengänge aus osmanischer Zeit und Marmorsäulen aus dem 8. Jahrhundert den Bulldozern weichen. Ein Hadith, eine überlieferte Äußerung des Propheten Mohammed, besagt, dass dieser angeblich verboten habe, Mekka zu verändern und zum Beispiel Bäume an der heiligen Stätte auszureißen. Davon ist die Baupolitik in Mekka weit entfernt. Nicht einmal Berge konnten den Bulldozern im Weg stehen: Ein Hügel wurde für den Bau des Clock-Tower-Hotels samt der osmanischen Festung, die darauf stand, abgetragen. Manche meinen, Mekka habe an Spiritualität verloren.

Es gab eine Zeit, in der die Familien Mekkas Pilger in ihren Häusern unterbrachten, ehe es Luxushotels und Package Deals gab, eine Vergangenheit, wo in der Großen Moschee Gelehrte verschiedener Rechtsschulen debattierten, auch Schiiten. Heute sind nur noch wahhabitische Prediger in der Moschee anzutreffen. Die wahhabitische Geistlichkeit, welche mit der Königsfamilie seit Begründung des Königreiches einen Pakt zum gegenseitigen Machterhalt aufrechterhält und die radikalen wirtschaftlichen und sozialen Transformationen der Moderne mit rigiden Gesetzen zur «Wahrung der Tradition» kompensiert, beherrscht den Haddsch.

Ist Mekka heute das krankende Herz der Umma?

 

 

 

 

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