Immer wieder werden Palästinenser von ihrem angestammten Land vertrieben –

Masafer Yatta, im Westjordanland

Ich glaube, es muss trotz aller Hochachtung und Wertschätzung für die Israelis gesagt werden:

Israel hat während des Sechstagekriegs 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Rund 600’000 Israelis leben dort heute in mehr als 200 Siedlungen. Der UN-Sicherheitsrat bezeichnete diese Siedlungen 2016 als Verletzung des internationalen Rechts und forderte Israel auf, alle Siedlungsaktivitäten zu stoppen. Die Palästinenser wollen (noch immer) im Westjordanland, dem Gazastreifen und Ost-Jerusalem einen eigenen Staat einrichten.

Der Siedlungsbau wurde nicht gestoppt, es wird weiterhin dort gebaut. Realistisch gesehen, ist diese Zwei-Staaten-Lösung ohnedies tot. Nur will das keiner zugeben, denn dann müsste eine andere Lösung gefunden werden, die vielleicht Betroffenen weh tun könnte. Denn wenn es keine Zwei-Staaten-Lösung geben kann, muss Israel endlich das Westjordanland „integrieren“ und die dort Wohnenden müssen zu gleichwertigen Bürgern dieses „Großisraels“ werden. Israel erreicht im Jahr 2021 eine Gesamtbevölkerung von rund 9,4 Millionen Einwohnern. Für das Jahr 2022 wird eine Gesamtbevölkerung von rund 9,5 Millionen Menschen prognostiziert Anteil Juden: rund 75,0 %; in den Autonomiegebieten lebten 2017 ungefähr 4,5 Millionen Menschen. Etwa 1,80 Millionen (99,3 Prozent Muslimen, 0,7 Prozent Christen) davon lebten im Gazastreifen und 2,75 Millionen (80 bis 85 Prozent der Bevölkerung Muslime, 12 bis 14 Prozent Juden und 1 bis 2,5 Prozent Christen) im Westjordanland (diese Prozentziffern stammen aus 2012/2014).

Sollte dieses Gebiet zu Großisrael werden, könnten Juden darin irgendwann zu einer Minderheit werden. Das stünde dann – möglicherweise – im Gegensatz zum Nationalstaatsgesetz: dieses ist ein Gesetz, das den jüdischen Charakter des Staates festschreibt und die nationalen Werte des Staates Israel rechtsverbindlich verankert. Als eines der israelischen Grundgesetze ist das Gesetz Teil der Verfassung des Landes.

Immer wieder werden im Westjordanland Palästinenser von ihrem Land vertrieben, das schon ihre Vorfahren bearbeitet haben.

Der derzeitige Fall: Palästinenser leben auf einem Gebiet, dass 1980 zu einem Trainingsgelände der Armee erklärt wurde. Das hügelige Terrain sei wichtig, um Israels Militär auf den Kampf vorzubereiten. Hier im staubigen, südlichsten Zipfel des Westjordanlandes scheint aber Israel in weiter Ferne zu liegen. Masafer Yatta, dieser entlegene Landstrich am südlichen Ende des Westjordanlands, birgt manche solcher unvermittelten Widersprüche. Um diese öde, auf den ersten Blick menschenleere Gegend tobt seit Jahren ein heftiger Streit. Die Umwelt ist harsch, doch bieten die felsigen Hänge eine Vielzahl natürlicher Höhlen, in denen seit Generationen Hirten mit ihren Tieren Schutz finden. Hier also leben seit Generationen halbnomadische Viehzüchter in Höhlen. Als – noch unter den Osmanen – das Land knapp wurde in Yatta, zogen ärmere Familien mit ihrem Vieh in die Masafer. Von Herbst bis Frühjahr wanderten sie mit den Schaf- und Ziegenherden, in der größten Sommerhitze zogen sie sich nach Yatta zurück. Diese Lebensweise hat im Grunde überdauert. Die politischen Entwicklungen in der Region aber haben nun auch Masafer Yatta eingeholt. Der Staat der Moderne bedarf fester Grenzen und eindeutiger Besitzverhältnisse, und er fordert: Sesshaftigkeit. Und Israel, das das Westjordanland seit 1967 besetzt hält, hat eigene Pläne für das Land hier.

Beharrlich wehrten und wehren sich diese Halbnomaden gegen die Vertreibung durch die israelische Armee. Das Leben hier ist geprägt von der täglichen Konfrontation mit israelischen Soldaten wie Siedlern. Deshalb hat man bereits am 8. November 1999 mehr als 700 Palästinenser aus der Gegend evakuiert. Viele konnten danach wieder zurückkehren, und die Abriss- und Evakuierungsorder wurde im Höchstgericht eingefroren. Doch das israelische Verteidigungsministerium hat eine Petition beim Höchstgericht eingereicht, um den Fall wieder aufzurollen. Nun hat der oberste Gerichtshof Israels der Vertreibung von 1300 Palästinensern zugestimmt. Das „Feuerzone 918“ genannte, mehr als 3300 Hektar große Gebiet liegt in der Nähe von Hebron im südlichen Westjordanland. In acht palästinensischen Ortschaften leben Schäfer und Bauern. Die Ansiedlungen gelten als illegal. Die Bewohner sehen das anders. Sie fühlen sich von Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde verlassen. Die israelische Verwaltung im besetzten Westjordanland argumentiert, dass die meisten ohnehin auch in die nahe gelegene Stadt Yatta ziehen können, wo viele auch Wohnungen haben. Doch die Beduinen und Schafhirten in den zwölf Siedlungen innerhalb der Firing Zone sagen, dass sie seit Generationen auf diesem Stück Land leben. Viele wohnen heute noch in Höhlen, wie laut Nachforschungen schon im frühen 19. Jahrhundert. Ihre recht einfachen Häuser, vielleicht besser Hütten, wurden bereits von Bulldozern niedergewalzt (gestern sah ich dies in den Nachrichten). Und die unglücklichen Vertriebenen ziehen sich wieder in die Höhlen zurück. Eine nahe gelegene jüdische Siedlung darf dort aber bestehen bleiben.

Die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem schrieb dazu, die Entscheidung diene dem Zweck, „das Land im Dienst jüdischer Interessen zu übernehmen“. Die Richter hätten „einmal mehr bewiesen, dass die Besetzten keine Gerechtigkeit vom Gericht der Besatzer erwarten können“. Die internationale Gemeinschaft müsse Israel daran hindern, die Bewohner des Gebiets zu verweisen. Der israelische Bürgerrechtsverband warnte vor „schwerwiegenden Konsequenzen“.

Ich kann mich mit meiner Meinung nur der israelischen Menschenrechtsorganisation anschließen (nicht, dass das irgendjemand helfen würde).

Immer wieder werden Palästinenser von ihrem angestammten Land vertrieben –

8 Gedanken zu “Immer wieder werden Palästinenser von ihrem angestammten Land vertrieben –

  1. Ich danke Ihnen, dass sie das Thema mal aufgegriffen haben. Ich denke auch immer mal wieder darüber nach, das in meinem Blog zu thematisieren. Sie haben das auf sehr vorsichtige und diplomatische Weise getan. Nochmal vielen Dank dafür.

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      1. Ich stimme Ihnen in allen Punkten zu. Mir fehlt manchmal die Gabe, vorsichtig und diplomatisch zu sein, deshalb habe ich davon abgesehen, darüber zu schreiben. Darf ich denn Ihren Blogbeitrag bei mir verlinken?

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