Universitäres Streitthema: Islamophobie

Es ist schwierig an den europäischen und US-amerikanischen Universitäten geworden. Nicht nur für Studenten, sondern auch für Professoren.

Ein Professor an dem politologischen Institut der Universität Grenoble wurde plötzlich – für ihn völlig unerwartet von den Studenten gemobbt.  Was wird ihm vorgeworfen: er hat in einer Diskussion mit Studenten den Begriff „Islamophobie“ kritisiert. Er vertrete reaktionäres, rechtsextremes und islamophobes Gedankengut. Er verhöhne Millionen von Opfern, weshalb er nach Ansicht „bestimmter Student*Innen“ sein Recht verwirkt habe, an Diskussionen teilzunehmen. Die Universität müsse Maßnahmen gegen diesen Professor ergreifen. Unterzeichnet ist der Aufruf von einer Gruppe namens Sciences Po Grenoble en lutte (=im Kampf).

Der Name des Professors: Klaus Kinzler, der wegen seiner wirtschaftsliberalen Haltung bisher „nur“ als Neoliberaler beschimpft worden war, soll plötzlich ein Rechtsextremer sein?  Für ihn, den gebürtigen Deutschen, der 1983 als junger Mann nach Frankreich ausgewandert war, ist dieses Wort gleichbedeutend mit Nazi. Er assoziiert es mit kahlrasierten Männern in Springerstiefeln, die Asylbewerber zusammenschlagen.

Der Professor wird der Islamophobie bezichtigt – das wäre bei uns vielleicht nicht so schlimm, aber in Frankreich lebt man sehr gefährlich, wenn man als islamophob gilt. Erinnern wir uns an jenen Tschetschenen, der 2020 den Lehrer Samuel Paty enthauptet hatte. Auch die 12 Charlie Hebdo Opfer galten 2015 für die Mörder als islamophob.

Jetzt muss Klaus Kinzler unter Polizeischutz an einem geheimen Ort leben!

Es is für „Außenseiter am universitären Geschehen“ schwierig zu verstehen: Es geht um den Konflikt zwischen studentischen Aktivisten und kritischer Wissenschaft, um politisch motivierte Rassismusvorwürfe und um die Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Es geht um die Macht, die kleine, aber radikale Gruppen in einem von Angst und Opportunismus geprägten Umfeld entfalten können.

Im Jänner 2021 ist in Grenoble eine Aktionswoche „für Gleichheit und den Kampf gegen Diskriminierung“ in Planung. Unter anderem sollen sich acht Studenten und zwei Professoren in virtuellen Konferenzen mit dem Komplex „Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie“ beschäftigen. Schon bei der Planung kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Professoren: Klaus Kinzler und Claire Marynower.

Kinzler ist der Meinung, dass der Begriff Islamophobie in dieser Aktionswoche nichts zu suchen hätte. Sein Sinn sei fragwürdig, man könne sich gar fragen, ob es bloß „um eine Propagandawaffe von Extremisten geht, die intelligenter sind als wir“. Marynower meinte, der Begriff “Islamophobie“ sei in der Politik tatsächlich umstritten, aber: „In den Wissenschaften ist er es nicht.“ Kinzler ist über die apodiktische Antwort seiner Kollegin empört, und bezichtigt sie in einer Mail der intellektuellen Anmaßung.

Tatsächlich ist der Begriff „Islamophobie“ auch in den Wissenschaften umstritten. In allen Gesellschaften gibt Ressentiments gegen Muslime. Allerdings besteht die Gefahr, den Unterschied zwischen Fremdenfeindlichkeit – die sich in Frankreich schon vor den gegenwärtigen Debatten oft gegen Araber richtete – und aufklärerischer Kritik am Islam und an einzelnen muslimischen Personen und Organisationen zu verwischen.

Fakt ist, dass in Frankreich Islamisten seit 2015 mehr als 200 Menschen ermordet haben, darunter Frauen und jüdische Schüler. Der von den Islamisten geschürte Hass hat zudem dazu beigetragen, dass Tausende Juden das Land verlassen haben. Was aber Islamisten nicht daran hindert, sich als Opfer und „neue Juden“ zu inszenieren. Oft wird nach Terrorakten nicht über Islamismus, sondern über die Ausgrenzung der Täter und über Islamophobie geredet, denn diese sei der Ursprung allen Übels! Geschürt wird dieser Diskurs von islamischen, oft islamistisch beeinflussten Gruppen aber auch von linken Politikern, Aktivisten und Wissenschaftlern.

Die Situation in Grenoble eskaliert: Klaus Kinzler wird des Mobbings an seiner Kollegin beschuldigt, gefordert wird nun den Begriff „Islamophobie“ in den Wissenschaften zu forcieren, wegen der „Zunahme rassistischer Meinungen in unserer Gesellschaft“. Linksradikale  Studenten fordern die Direktion ultimativ auf, den Islamophobie-Begriff als wissenschaftlich einzustufen und gegen Kinzler vorzugehen. Sein Rücktritt wird gefordert unter dem Motto: „Faschisten in unseren Vorlesungssälen, Kinzler: Rücktritt! Islamophobie tötet.“

Kinzler trat zurück, schreibt an einem Buch. Er meint in einem Interview (an einem geheimen Ort!), dass die heutige Forschung im permanenten Kampf gegen Unterdrückung steht, abweichende Meinungen werden nicht geduldet. Ermuntert von linken Professoren, gehe es jungen Sozialwissenschaftlern oft nur noch darum, strukturellen Rassismus, Sexismus und Islamophobie zu beweisen, oft weniger faktisch als gefühlsbezogen. Man kann diese Studenten auch folgendermaßen darstellen: gravierende Defizite in der intellektuellen Neugier, bornierter Radikalismus, persönliche Feigheit, kombiniert mit perverser Lust am Machtrausch in der Gruppe.

Das wäre aber nicht nur ein französisches, sondern ein europäisches und US-amerikanisches Phänomen. Den Studenten werde nicht mehr beigebracht, zu denken. Es gehe nur noch darum, die moralische Gewissheit von Ideologen nachzuahmen.  Diese Art von Studenten meinen, dass z.B. die Unschuldsvermutung ein Werkzeug der Klassenjustiz wäre. Nur die Stimme der Opfer dürfe zählen, und wer Opfer angreife, müsse sofort bestraft werden. Wenn das Opfer immer recht hat und sämtliche Muslime als Unterdrückte eingestuft werden, sind auch Islamisten Opfer. Ganz egal, ob sie selber Rassisten, Sexisten, Antisemiten, Gewalttäter oder alles zusammen sind. Radikale Studenten, profitieren von einer Kultur der Duldung, der Angst und der Protektion.

Im Falle von Kinzler hat die Cancel Culture nicht gewirkt, sondern genau das Gegenteil ist eingetreten: sie hat Kinzler zum Medienstar gemacht.

Universitäres Streitthema: Islamophobie

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