Der Stock-im-Eisen: heute und in der Sage

Der Stock-im-Eisen ist der Brennpunkt des Tourismus in Wien; von hier hat man einen hervorragenden Platz, um den Stephansdom zu photographieren, und das tut wohl fast jeder Wien-Besucher. Daher ist es gar nicht so leicht, zum Stock im Eisen zu gelangen.

Der Stock-im-Eisen ist der mittlere Teil einer zweiwipfeligen Zwieselfichte aus dem Mittelalter, die über und über mit Nägeln beschlagen wurde. Man nennt solche Stämme Nagelbäume. Der Wiener Stock-im-Eisen ist der älteste noch erhaltene Nagelbaum, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1533. Das Original steht heute noch in Wien, am Stock-im-Eisen-Platz 3, an der Ecke des Palais Equitable. Es wäre für kunstinteressierte Touristen durchaus empfehlenswert, einen Blick auf dieses Palais zu werfen, zwar Palais genannt, aber nie Adelssitz. Es wurde von der New Yorker Lebensversicherungsanstalt Equitable errichtet, auf dem Giebel befindet sich ein amerikanischer Adler, auf dem Dach ein Segelschiff, das die weltumspannende Tätigkeit der amerikanischen Versicherung darstellen soll.  1944 durch Bomben stark zerstört, aber wieder renoviert.

Aber zurück zum Stock-im Eisen: Die urkundliche Erwähnung von 1533 bezeichnet ihn als „Stock der im Eisen liegt“. Dies bezieht sich auf ein breites Eisenband in mittlerer Höhe mit der Attrappe eines Vorhängeschlosses. Die Fichte des späteren Stock-im-Eisen begann etwa um 1400 zu wachsen und wurde, wie Untersuchungen 1975 gezeigt haben, um das Jahr 1440 gefällt. Die Verjüngung in der Mitte des Stammes (er ist durch fünf Metallbänder gestützt) rührt von Axtschlägen her. Die Benagelung begann, als der Baum noch lebte (also vor 1440). 1548 befand er sich bereits an einem der Häuser am heutigen Stock-im-Eisen-Platz.

Ab 1715 fand dann eine Benagelung von Wandergesellen auf der Walz (Wanderjahre von Handwerksgesellen) statt. Diese unterscheidet sich jedoch deutlich von der mittelalterlichen Benagelung. Die wahrscheinlichste Theorie für die mittelalterliche Benagelung ist der alte Brauch, in Kreuze, Bäume und sogar Felsen, Nägel zum Schutz oder zum Dank der Heilung von Krankheiten zu schlagen – als Votivgabe. Nägel waren im Mittelalter immerhin teures Gut, das man nicht achtlos vertat. Der Brauch für durchreisende Schmiede und Schmiedgesellen, sich mit einem Nagel zu verewigen, entstand erst im 18. Jahrhundert.

Und wie an vielen Plätzen in Wien, ranket sich auch eine Sage um diesen Stock-im-Eisen:

„Ein armer Schlosserlehrling entwandte seinem Meister einen überaus künstlichen Nagel, welcher bei dem Bau eines Jagdschlosses Herzog Leopold des Heiligen verwendet werden sollte, das im Wienerwalde errichtet wurde. Bei der Heimkehr verirrte er sich in das Walddickicht.

Im Walde stand ein besonderer Baum, zu dem der Verirrte immer wieder gelangte, so dass er endlich ganz erschöpft und weinend unter diesen Baum auf das weiche Moos sank, und da wurde er inne, dass er sich eines großen Fehlers schuldig gemacht durch den Diebstahl, schämte sich aber doch, sein Verbrechen einzugestehen, wollte jedoch auch den Nagel nicht behalten und schlug ihn in den Baum.

Und wie er den Nagel in den Baum geschlagen hatte, so stand der böse Feind neben ihm und sprach: „Den gestohlenen Nagel kannst du wohl einschlagen; könntest du aber einen solchen Nagel und ein Schloss machen, das diesen Baum vor Axt und Säge schützte, so wäre dir geholfen.“

Der Junge erschrak zwar sehr, doch fasste er einen frischen Mut und sprach: „Ich habe des wohl Lust und Mut, solch Schloss fertigen zu lernen, so Ihr mir’s lehren wollt und könnt.“

Der Teufel sagte: „Topp!“ und hieß den Jungen mit sich gehen, der nun einen Bund mit ihm machte und von ihm Lehre und Unterweisung erhielt, so künstliche Schlösser zu verfertigen, wie niemand in der Welt. Diese Schlösser vermochte kein anderer Schlossermeister zu öffnen, und so verdiente der junge Meister viel Gut und Geld und wurde ein reicher und angesehener Mann. Neben jenem Nagel schlug er einen ganz gleichen ein, zum Zeichen, dass er seinem Meister gleich sei an Kunstfertigkeit, und umgab den Baum, dessen obern Teil er absägte, so dass nur noch ein Stock dastand, mit einem starken Eisenring, hing auch ein Schloss daran, welches kein Mensch zu öffnen vermochte (das Schloss am Stock im Eisen ist nur eine Attrappe und daher tatsächlich keinem Schlüssel zugänglich), und lebte herrlich und in Freuden.

Endlich, so kam die Zeit, dass der Pakt um war, den der Schlosser mit dem Bösen geschlossen, und dieser gedachte ihn zu holen. Jedoch der Schlosser hatte längst bereut, sich mit dem Feind eingelassen zu haben, und ging jeden Morgen in die Kirche, eine Messe zu hören. Die Kraft der Messe aber schützte den Frommen je vierundzwanzig Stunden lang, das wusste er gar wohl, und deshalb hörte er sie täglich, und der Böse, der auf ihn lauerte, konnte ihm nichts anhaben. Eines Tages ging er in einen Keller auf Sankt Peters Platze, allda vor Anfang der Kirche ein Glas Wein zum Morgenimbiss zu trinken, und verspätete sich. Als er endlich doch zur Kirche schritt, begegnete ihm ein altes Weib, das rief ihm zu: „Zu spät! zu spät! Die heilige Messe ist schon gelesen!“ Daließ sich der Schlosser betören und kehrte um und ging wieder in den Keller, noch ein Glas Wein zu trinken; kaum aber setzte er den Becher an die Lippen, so trat das alte Weib von vorhin, das niemand anders als der Teufel war, auch herein, fasste und würgte ihn, drehte ihm den Hals um und hing ihn an die Wand an einen Haken.“

Ich weiß nicht, wie vielen Touristen diese Sage (oder eine ähnliche) von ihren Fremdenführern erzählt wird, aber es ließe sich aus dieser Sage einiges ableiten, für unser Leben heute: nicht stehlen, nicht zu ehrgeizig zu sein, nicht jedem gleich glauben, sondern Aussagen hinterfragen, und vielleicht zuweilen nicht zu tief ins Glas zu schauen.

Ein Besuch des Stock-im Eisen und des Palais Equitable in einer stilleren Zeit ist durchaus empfehlenswert.

 

Der Stock-im-Eisen: heute und in der Sage

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