War ich emanzipiert?

Als ich geheiratet habe, 1959, herrschten noch patriarchalische Strukturen. Auch rechtlich war der Mann das Oberhaupt der Familie. Das war akzeptierte Ansicht. Das war Erziehungsrichtlinie für Mütter von Buben, das bestimmte den Verhaltenskodex von Mädchen.

Ein bissel war ich „ausgebrochen“, auch durch meine Eltern ermutigt, die für meine Ausbildung/Studium sehr viel auf sich genommen haben (geopfert haben, wie meine Mutter immer sagte). Damals an der „Welthandel“ (heute Wirtschaftsuni) war der Frauenanteil gerade einmal ca. 10%.  Eine meiner Schulkolleginnen hatte zwar inskribiert, aber ihr Ziel war weniger ein abgeschlossenes Studium, sondern an der Universität den richtigen – später erfolgreichen – Mann zu finden. Den Studienzweig, den man dazu wählte war Jus. Der „richtige“ Ehepartner wurde auch dann dort gefunden. Dem gegenüber kam ich mir schon komisch vor, als ich für die verschiedenen Fächer „büffelte“.

Ich hab‘ auch während meiner Studienzeit immer wieder gearbeitet, hauptsächlich in den Ferien. Die Jobs, die man da am leichtesten bekam, war Kinderbetreuung. Das lag mir aber gar nicht, wenn das in Wien stattfand, half meine Mutter aus – die konnte das viel besser. Also suchte ich mir Jobs im Ausland. Einerseits um zusätzlich Sprachen zu Lernen, ein Sommer in Madrid – in der Franco-Zeit – andererseits um wirtschaftliche Erfahrungen zu sammeln, in einer Bank in Frankfurt. Mir war auch viel daran gelegen, im Ausland zu studieren – ich erhielt ein Fulbright-Stipendium in den USA und ein Stipendium an einem der so genannten „europäischen Colleges“ in Frankreich.

Aufgrund dessen, sollte man doch meinen, dass ich selbstbewusst, emanzipiert meinen Berufsweg beginnen würde. Aber – schon von der Umgebung (nicht meinen Eltern) wurde mir klar gemacht: Ein Job ist ja gut und schön, aber Du wirst doch heiraten wollen, also bis dahin ist eine nette Beschäftigung angemessen, aber beendet muss sie spätestens bei der Ankunft des ersten Kindes sein. Das entsprach aber gar nicht meinen Plänen. Ich wollte eine diplomatische Karriere machen (damals ging das theoretisch schon, auch wenn man keinen Jus-Abschluss sondern „nur“ einen Wirtschaftsabschluss hatte). Aber man meinte auch, mir sagen zu müssen, dass das doch keine Karriere für eine Frau wäre, sie kann doch (besonders wenn sie verheiratet ist) nicht auf Posten geschickt werden – was geschieht dann mit der Ehe, den Kindern.

„Zu meiner Zeit“ war der „Karriereweg“ einer jungen Frau ohnedies die Heirat. Empfohlene Jobs davor waren Hostess bei einem Großereignis wie die Expo 1958 in Brüssel. Den durften nur die schönsten, Fremdsprachen-sprechenden jungen Damen mit erstklassigen Manieren ausüben (galt als exzellente Basis für Partnersuche: das gelang damals der späteren Königin von Schweden). Eine andere hoch angesehene Job-Möglichkeit war, bei einer Fluglinie möglichst als Air-Hostess zu arbeiten. Gar so sehr reizte mich das nicht (es waren aber nicht die „sauren Trauben“, weil ich es möglicherweise nicht erreicht hätte).

Aber schon gegen Ende des Studiums hatte ich einen jungen Mann kennengelernt und mich verliebt, er hatte mir einen Antrag gemacht und wir hatten beschlossen zu heiraten (über den diesbezüglichen Prozess – vielleicht ein andermal). Dennoch strebte ich eine Karriere an. Und obwohl mein Mann rechtlich dazu befugt gewesen wäre, hatte er keine Einwände dagegen. Allerdings störte ihn meine Berufsbezeichnung (Sachbearbeiter) für das „Aufgebot“, er änderte es auf „Sekretärin“, das schien ihm angemessener (Sekretärin war aber das Letzte, das zu werden ich anstrebte). Damals war mir das „wurscht“.

Dennoch, immer blieb der Job meines Mannes wichtig, meiner nebensächlich, es wurde nicht darüber geredet. Auch als ich damals sehr früh mit Computeranwendungen begann, analysierte, programmierte etc., und das „gesellschaftlich“ sehr neu und bei anderen sehr „wichtig genommen“ wurde, war es bei uns in der Familie „nebensächlich“, nicht erwähnenswert. Auch mein Studium wurde als minderwertig gegenüber Jus, das mein Mann und sein Bruder studiert hatten, bezeichnet (auf meinen Einwand, dass ich immerhin sowohl eine Diplomarbeit als auch eine Dissertation geschrieben hätte, wurde geantwortet, sie hätten doch die so schwierigen Rigorosen zu absolvieren gehabt – na ich eigentlich ich auch, aber die konnten niemals so schwierig gewesen sein.) Außerdem hätte ich kein Griechisch in der Schule gelernt, und vom römischen Recht verstünde ich auch nichts. Naja, dann ….

Meine Arbeit blieb immer uninteressant – vom Standpunkt der Familie – bis ich, als ich in Pension war, zu schreiben begann, das wurde dann anerkannt, aber mein Mann betonte auch immer, um wie viele Bücher er mehr als ich geschrieben hätte (stimmt schon – 20:8).

Vieles von dem, das mir wirklich wichtig war, konnte ich durchsetzen: ich habe immer gearbeitet – und das war dann selbstverständlich. Ich wollte immer in einer Altbauwohnung mit hohen Räumen möglichst in der Stadt leben, und das taten wir dann auch – nach 18 Ehejahren. Auch den Ferienwohnsitz in Pernitz (und nicht wie die meisten der Freunde meines Mannes im Waldviertel) konnte ich erreichen. Aber vieles war uns gemeinsam wichtig: z.B. die Schulwahl der Kinder. Reise- oder Urlaubsziele waren mir z.B. gar nicht so wichtig, wir fuhren dorthin wohin mein Mann fahren wollte. Gewählt hat auch immer jeder, was er/sie für richtig hielt

Ich agierte zwar „emanzipiert“ – in meinem Job, aber gesellschaftlich war ich es nicht.  Die Familienrechtsreform der Siebziger Jahre war „geistig“ bei uns nicht durchgedrungen, wir lebten noch nach dem seit 1811 gültigen Familienrecht, so waren wir erzogen worden:  Der Mann ist das „Haupt der Familie“ und Frau und Kinder sind seinem Führungsanspruch unterstellt. Von ihm leitete sich der Familienname ab. Der Mann bestimmte den Wohnsitz der anderen Familienmitglieder, die ihm gegenüber folgepflichtig waren. Er legte die Erziehungsziele und die Berufswahl der ihm zu Gehorsam verpflichteten Kinder fest. Er musste für seine Familie sorgen und einen „anständigen“ Unterhalt leisten. Die Frau war ihm dafür zum Beistand verpflichtet und hatte sich um die Arbeit im Haushalt und die Pflege der Kinder zu kümmern.

Aber glücklich waren wir doch – miteinander!

 

War ich emanzipiert?

8 Gedanken zu “War ich emanzipiert?

  1. Der Mann ist das Haupt der Familie – erinnert mich an folgende Situation. Ich muss so 6 – 7 Jahre alt gewesen sein und sollte den Tisch für das Mittagessen decken. Statt des normalen Suppenlöffels legte ich an den Platz meines Vaters den großen Löffel des Vorlegebestecks – so groß war mein ‚Respekt‘ vor seiner Position (aber nicht im negativen Sinn!)

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  2. Elisabeth Pohl schreibt:

    Danke für den guten Beitrag! Sie haben die Situation sehr gut beschrieben. Ich bin 1957 geboren und kann das sehr gut nachvollziehen. Meine Situation ist sehr ähnlich und auch ich habe immer wieder die gleichen Gedanken. Auch ich liebe meinen Mann und bin immer noch verheiratet, aber habe auch mit meiner Sozialisation als „Familienzweite“ ist gehadert. Allerdings kann nur ich meine „Denke“ ändern.
    Es ist für mich persönlich immer noch eher anstrengend mich nicht mehr klein zu denken und meinem Mann die großen Entscheidungen (die heute auch nicht mehr so oft getroffen werden müssen) zu überlassen. Zumal ich mit dem Großteil seiner sehr gut leben kann. Aber ich werde immer besser und freier im Kopf. Das bin ich schon unserer Tochter schuldig !

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  3. Werner A. Perger schreibt:

    Liebe Frau Dr. Chorherr, leider habe ich Sie während meiner Zeit bei der „Presse“ nur flüchtig kennen gelernt und das beschränkte sich halt auf Ihre Rolle als „die Frau an seiner Seite“, also des leitenden Redakteurs und späteren Chefredakteurs der Zeitung. Aber beeindruckt war ich dennoch stets von diesen kurzen Begegnungen. Und von Kollegen, die Sie besser kannten, wusste ich natürlich, dass Sie im wirklichen Leben weit mehr waren als, wie gesagt, „die Frau Gemahlin“ des Chefs, dem ich ja nicht ganz so nahe stand. Als ich jetzt via Twitter auf ihre Kolumnen stieß, hab ich mit spontanem Interesse eine ganze Reihe davon gelesen und das mit zunehmendem Vergnügen und kollegialem Respekt. Ich erlaube mir denn auch, Ihnen nun, wie’s beim Twitter so sinnig heißt, zu „folgen“. Im Übrigen wünsche ich Ihnen alles Gute. 💐

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